DIE SIEMENSSTADT - Ein Lexikon der Siemensstadt in Berlin -

Beschäftigte der Firma Siemens in Siemensstadt

Hinweis: Beschäftige, Mitarbeiter, Belegschafts-, Betriebsangehörige und ähnliche Benennungen sind in diesem Lexikon als gleichwertig anzusehen (siehe zum Vergleich Einwohnerzahlen Siemensstadts). In den Stichwörtern zu den Siemens-Werke finden Sie weitere Abbildungen mit Siemens-Beschäftigten.

Die Zahl der Beschäftigten bei Eröffnung am 12. Oktober 1847 der zuvor am 1. Oktober in Berlin in der Schöneberger Straße 19, nahe dem ab 1839 errichteten Anhalter Bahnhof (seit 1921 zum heutigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zugehörig; nicht identisch mit dem 1939 in Betrieb genommenen S-Bahnhof), gegründeten Telegraphen-Bau-Anstalt von Siemens & Halske ist nicht bekannt. Nach einem Bericht von Johann Georg Halske (1814-1890) war die 150 qm große Werkstatt erst am 20. Dezember mit 10 "Arbeitern ganz besetzt", zwei Jahre später waren es 25 (siehe Gründung und Benennungen der Firma Siemens, Chronik). Vor dem 1. Weltkrieg (Dezember 1913) waren bei Siemens weltweit 82.000 Menschen beschäftigt. In den Zwischenkriegsjahren waren es weltweit über 120.000. In einer zeitgenössischen Schrift aus dem Jahre 1935 liest sich das so:
"Heute sind die Siemenswerke in Siemensstadt das größte Berliner Industriewerk, ja sie sind das größte elektrotechnische Unternehmen der Welt, das auch die Amerik. General Elektric Co. an Beschäftigtenzahl übertrifft. Die Gesamtzahl der für die Firma Siemens arbeitenden Volksgenossen beträgt zur Zeit 122.000, wovon über 70.000 im Arbeitszentrum Siemensstadt-Gartenfeld arbeiten."
Gegenwärtig (September 2007) sind in den Siemens-Unternehmensbereichen weltweit rd. 398.000 Menschen beschäftigt.

Die heutigen Begriffe Arbeiter, Angestellte, Beamte usw. haben sich erst Anfang  des 20. Jahrhunderts herausgebildet. Um die Zeit der Gründung von Siemens standen auf der einen Seite die kleine Gruppe der Fabrikbesitzer oder Unternehmer, auf der anderen Seite die große Zahl der unselbständigen Arbeitnehmer, das heißt die (Fabrik-)Arbeiter, die auf Lohn und Brot angewiesen waren. Als "Arbeiter" wurden damals praktisch immer nur die ungelernten Hilfsarbeiter bezeichnet. Diese hatten keinen festen Arbeitsplatz und konnten ganz nach Bedarf eingesetzt werden, z.B. mit dem Einsetzen der Maschinen und der aufkommenden Akkordtätigkeit als so genannte Akkordarbeiter für niedrigsten Lohn, da sich die gelernten Arbeiter anfangs (ohne Erfolg) dagegen wehrten. Das Aufkommen der Maschinen bedeutete für die handwerklich geschulten Arbeiter zunächst eine Disqualifizierung, denn ihre bisherige gestaltende Funktion ging damit verloren. Auf der anderen Seite nahm die Bedeutung von speziellem Wissen und Weiterbildung zu, was ihnen wiederum einen Aufstieg aus dem bisherigen "Bedienen" von Maschinen z.B. zum sozial besser gestellten und bezahlten Angestellten ermöglichte.

1. Die Bezeichnung "Angestellter" setzte sich erst ab etwa 1890 durch; zuvor nannte man sie bei Siemens "Privatbeamte". Diese waren (nicht nur bei Siemens) in ihren Rechten und Pflichten denen der Staatsbeamten angeglichen und standen in einem besonderen Vertrauensverhältnis (zum Fabrikherren) und übten infolge ihrer meist höheren Bildung und damit auch Qualifikation Leitungs- und Verwaltungsfunktionen aus, wie z.B. als Konstrukteur, Geselle, Meister, Materialverwalter, Kassierer, Buchhalter usw.
2. Danach folgten die Gehilfen. Dies waren durchweg gelernte Arbeiter - also Schlosser, Schmied, Mechaniker usw.
3. Die vorletzte Gruppenhierarchie bildeten die Lehrlinge. Mit der Ausbildung junger Menschen hatte Siemens bereits in seinem Gründungsjahr 1847 begonnen und stand dabei qualitativ und auch quantitativ bald an führender Stelle (siehe auch Siemens-Berufsausbildung).
4. An unterster Stelle in einem Beschäftigtenverhältnis standen die "Arbeitsburschen" (so die offizielle Bezeichnung) und Laufboten (Laufjungen und Laufmädchen). Laufboten gab es allein in den Siemensstädter Werken noch Anfang der 1950er Jahre mehrere Hundert (schätzungsweise 600). Aber auch hier war es jedem Arbeitsburschen, Laufjungen und Laufmädchen durch entsprechende Leistung jederzeit möglich, eine Lehrstelle oder weiterführende Ausbildung in einer der zahlreichen Siemens-Firmen zu erlangen. In den früheren Siemens-Mitteilungen sind hierfür z.B. in der Rubrik "Das Haus Siemens gratuliert seinen Jubilaren" zahlreiche Beispiele nachzulesen. Die den Ehrungen beigefügte Fotografien zeigen stolze Jubilare, hatten sie sich doch in 30, 40, 50 Arbeitsjahren bei Siemens aus kleinsten Anfängen durch Können, Leistung und Disziplin eine geachtete Position im Unternehmen wie in der Gesellschaft erworben.

Alle Beschäftigen in den technischen Manufakturen und Fabriken waren Männer; erst Ende der 1880er Jahre kamen Frauen hinzu - 20, 30 Jahre später (insbesondere nach Ausbruch des 1. Weltkrieges) dominierten teilweise die Frauen. Allerdings erhielten sie auch bei Siemens oft weniger als ein Drittel des Lohns ihrer männlichen Kollegen bei fast gleicher Tätigkeit. So verdiente z.B. Ende 1913 ein (Fabrik-)Arbeiter bei Siemens jährlich bis etwa 2.050 Mark, eine (Fabrik-)Arbeiterin erhielt bei annähernd gleichartiger Tätigkeit nur rd. 1.000 Mark; ein Handwerker konnte es im Jahr auf einen Verdienst bis etwa 3.200 Mark bringen. Die tägliche Arbeitszeit betrug zu dieser Zeit 8,5 Stunden, Samstag 7 Stunden - Sonn- und Feiertage waren (mit Ausnahme bestimmter Tätigkeiten) arbeitsfrei. Bezahlten Urlaub erhielten Arbeiter im 1. Jahr 3 Tage, bis maximal 14 Tage (Arbeiterinnen erhielten weniger, Handwerker mehr); Siemens-"Beamte" hatten auf maximal 30 Tage Urlaub Anspruch.

Heute haben sich die Qualifikationsstrukturen entscheidend gewandelt: Seit Anfang der 1980er Jahre beschäftigt Siemens in Deutschland mehr Angestellte als gewerbliche Mitarbeiter; nach Zahlen dominieren die Männer, die (in Deutschland) drei Viertel der Belegschaft ausmachen. Bei Siemens in Berlin sind etwa 60 % der Beschäftigten Facharbeiter oder Hochschulabsolventen.

Als die Firma Siemens am 1. August 1899 mit ihrem Kabelwerk Westend die Produktion in der heutigen Siemensstadt aufnahm, waren hier rd. 2.500 Beschäftigte tätig. Motorisierten Individualverkehr gab es nicht, und die Wege und Verkehrsverbindungen waren alles andere als bequem: Von Berlin sowie den damaligen Städten Charlottenburg und Spandau aus mussten die immer zahlreicher werdenden Beschäftigten täglich zweimal einen langen und beschwerlichen Fußmarsch (oder mit dem Fahrrad) über den Nonnendamm bzw. den Fürstenbrunner Weg nehmen, die damals beide noch nicht ausgebaut waren. Mit dem Bau des Kabelwerkes hatte Siemens vom Spandauer Lindenufer ausgehend eine Schiffsverbindung zum Werk eingerichtet. Erst 1903 reaktivierte die Firma die Vororthaltestelle Fürstenbrunn, richtete 1908 die erste Straßenbahn-Linie ein, und eröffnete 1929 die S-Bahn. Nur die wenigsten Beschäftigten kamen aus Siemensstadt, in der maximal rd. 15.000 Menschen lebten (Ende der 1930er Jahre); die meisten "pendelten" aus Spandau, Charlottenburg und Berlin ein.

Die Tabelle gibt einen Überblick über die (weitere) Entwicklung der Beschäftigten am Siemensstädter Standort; dabei sind die der Stammfirma Siemens & Halske und die der ab 1903 hinzugekommenen Siemens-Schuckertwerke zusammengefasst  (siehe Gründung und Benennungen der Firma Siemens). Sämtliche Angaben sind von Quelle zu Quelle unterschiedlich und daher lediglich als (gute) Anhaltswerte zu betrachten:

Jahr

Beschäftigte in Siemensstadt

1899
1901

um 1905
1906
1907

1910
Anfang 1913
Herbst 1913
Anfang 1914
Anfang 1918
1924/1925
Ende 1926
1928  
1929
1941
Mitte 1945
1947
1960
er Jahre
1980
1995
1998
1999
2000
2001
2003
2005
rd. 2.500 der bei Inbetriebnahme des Kabelwerks Westend am 1. August
1.213 (?)
rd. 5.200
8.420
rd. 10.000
13.998
rd. 17.300
rd. 30.000
31.744
rd. 30.000; im Laufe des Jahres zeitweilig bis 40.576
rd. 55.000
rd. 44.000
zeitweilig rd. 66.220
maximal rd. 65.300
rd. 67.000 (einschließlich Fremd- und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Häftlinge)
rd. 14.000
rd. 20.000
etwa 30.000
rd. 26.500
rd. 18.500
rd. 14.000
rd. 13.000
rd. 12.300 (in Berlin insgesamt rd. 16.800)
rd. 11.800 (in Berlin und Brandenburg insgesamt rd. 16.900, einschließlich Auszubildende)
rd. 10.900 (in Berlin und Brandenburg insgesamt rd. 13.700)
rd. 10.600 (in Berlin und Brandenburg insgesamt rd. 14.150)

Nicht eingeschlossen sind die Beschäftigten im benachbarten Haselhorst, dem etwa 2 km entfernten Gartenfeld und in den übrigen ehemaligen Spandauer Siemens-Produktionsstätten wie z.B. in Hakenfelde, wo die Firma mit ihrem Luftfahrtgerätewerk an der Streitstraße 5-17 zwischen 1937 und 1945 ebenfalls umfangreiche Entwicklungs- und Fertigungsbereiche unterhielt.

Literatur
Jubiläumsschrift Siemens & Halske AG / Siemens Schuckertwerke GmbH - Deutschland und Österreich-Ungarn. Berlin 1914
Festschrift Siemensstadt - Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart. St. Josephs-Kirche, 1935
Ein Fensterplatz bei Siemens. Hochschule der Künste, Berlin 1985
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Siemens AG; Berlin 13. Dezember 2001
Informationsbroschüre Daten und Fakten 2002. Siemens AG, Berlin 2002
SiemensWelt; H. 2/3, 2004
Corinna Vissar: Fast 1100 neue Jobs bei Siemens in Berlin. Tagesspiegel, 27. März 2006

© Karl H. P. Bienek - Berlin 2000 - Stand: 19. Juli 2008


Klicken Sie bitte einen Buchstaben an, um zu den übrigen Stichwörtern zu gelangen.
Register A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z Home