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Großsiedlung Siemensstadt
(Ringsiedlung, Reformsiedlung, Rauchlose
Stadt)
Die fast ausschließlich aus
Wohnungsbauten bestehende Großsiedlung Siemensstadt liegt in
den Bezirken Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf. Ihre örtliche
Begrenzung erfolgt im wesentlichen zwischen dem Heckerdamm im
Norden, dem
Popitzweg im Süden,
dem Jungfernheideweg und
der Mäckeritzstraße
im Westen sowie dem Goebelplatz bzw.
Geißlerpfad im Osten. Der
größte Teil der Siedlung befindet sich auf Charlottenburg-Wilmersdorfer
Gebiet, nur ihr
westlicher Teil liegt in Spandau bzw. Siemensstadt; nachfolgend
wird die gesamte Siedlung dargestellt.
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Großsiedlung
Siemensstadt,
Modell der Gesamtanlage;
um 1929
(Bild oben ist Norden)
aus einer Schautafel
in der Großsiedlung; 2006
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Die Großsiedlung Siemensstadt ist Teil des
Konzeptes der Weimarer Republik, "jedem Deutschen eine
menschenwürdige Wohnung" zu ermöglichen: Auf der
Grundlage neuer Steuergesetze erließ dazu die Weimarer Republik
ein - in Europa wohl einzigartiges - Wohnungsbauprogramm.
Bevorzugt auf preisgünstigem Grund und Boden an der Peripherie
der Städte, jedoch in erreichbarer Nähe zu öffentlichen
Nahverkehrseinrichtungen und vorhandenen Arbeitsstätten sowie
Naherholungsangeboten entstanden in Deutschland
Siedlungskonzepte unterschiedlichen Zuschnitts. Bauherren waren
überwiegend gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften und
-genossenschaften. Viele dieser Siedlungen sind heute noch
zeitgemäß und viele stehen unter Denkmalschutz. Insbesondere
in Berlin engagierten sich moderne Architekten im Bereich des
Siedlungsbaus, die unter anderem die Großsiedlung Siemensstadt
konzipierten.
Die Bauten der Großsiedlung
Siemensstadt sind in geschlossener Randbebauung konzipiert und
mit scheiben- und reihenförmigen Flachdach-Wohnzeilen im Stil
des Neuen Bauens ausgeführt. Alle Objekte orientieren sich
im wesentlichen nach Süden und verlaufen parallel zu den genannten
Straßenzügen, die größtenteils im Rahmen dieses
Siedlungsbaus angelegt wurden (siehe hier).
Die Erschließung der Wohnzeilen erfolgt durch die öffentlichen
Verkehrsanlagen sowie schmale Wohnwege.
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Großsiedlung
Siemensstadt, Eingangssituation
am Jungfernheideweg (Panzerkreuzer
von
Hans B. Scharoun); Aufnahme Oktober 2000
Foto: Karl H. P. Bienek, Berlin
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Großsiedlung
Siemensstadt
Sonnenterrasse auf
dem
Panzerkreuzer am
Jungfernheideweg; Aufnahme Juni 2001
Foto: Karl H. P. Bienek, Berlin
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Alle Zeilenbauten werden
durch relativ breite Grüngürtel
mit altem Baumbestand der ehemaligen
Jungfernheide voneinander optisch und räumlich getrennt,
wobei auf die vorhandene
natürliche Begrünung weitgehend Rücksicht genommen wurde -
eine der Forderungen der Siedlungsplaner. Damit waren die Voraussetzungen für ein
gesundes Wohnumfeld gegeben (nicht wegen des Umweltschutzes, der
damals noch keine Rolle spielte) und eine lebenswerte Symbiose
von Wohnen und Architektur (siehe hier).
Auch die Wohnungen mit (heute noch akzeptabler) Belichtung, Besonnung,
Belüftung, Flächenaufteilung sowie
vertretbaren Erstellungs-, Miet- und Bewirtschaftungskosten
durch Typisierung (der Grundrisse, Fenster, Türen, Treppenhäuser,
Küchen- und Korridoreinbauten) zeigen das Bemühen um ein sozial
verträgliches Umfeld.
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Großsiedlung
Siemensstadt
Jungfernheideweg 1-3
(von der Mäckeritzstraße gesehen;
Bauteil von Hans B. Scharoun)
Aufnahme um
1954;
Foto: Unbekannte Postkarte
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Für die städtebauliche
Planung der Großsiedlung Siemensstadt zeichneten die
Architekten Martin Wagner (1885-1957) und Hans B.
Scharoun
(1893-1972) verantwortlich; die Gestaltung der Freianlagen übernahm
der Gartenarchitekt Leberecht Migge (1881-1935). Bauherr war die
Baugesellschaft
Heerstraße, die schon Wohnsiedlungen
in der damaligen Stadt Charlottenburg erstellt hatte. Die mit der Planung
und Bauausführung betraute
Architektengruppe bestand aus Mitgliedern der 1926 gegründeten
avantgardistischen Architektenvereinigung Der Ring, die
dem Neuen Bauen in Deutschland bereits wichtige Impulse
vermittelt hatte. Die Siedlung wird daher nach ihnen vielfach "Ringsiedlung" (Ring-Siedlung)
oder wegen ihres fortschrittlichen Charakters auch "Reformsiedlung" genannt. 1936/1937 erfolgte die
Bestandsübernahme durch die Wohnungsbaugesellschaft
GSW. Seit dem Jahre 2006 befinden sich Teile
der Objekte im Besitz der Berliner Wohnungsbaugesellschaft GEHAG.
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Großsiedlung
Siemensstadt
S-Bahn-Überführung
am Jungfernheideweg
(links und rechts Bauteile Hans B. Scharoun)
Aufnahme 1957; Foto: Unbekannte Postkarte
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Großsiedlung
Siemensstadt, Goebelstraße
(links Bauteil Otto Bartning, rechts Hugo
Häring)
Aufnahme 1960er Jahre
Foto: Unbekannte Postkarte
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Die Großsiedlung Siemensstadt
wurde nach vorbereitenden Planungen ab 1928 in den Jahren von
1929 bis 1931 errichtet (siehe auch hier); die gartenarchitektonischen
Arbeiten waren Ende 1932 abgeschlossen (siehe hier).
Infolge der sich
abzeichnenden, für derartige Projekte ungünstigen politischen
Lage konnten weitere vorgesehene Bauteile in östlicher
Richtung (zum Stadtteil Charlottenburg-Nord hin) nicht wie geplant
vollendet bzw. weitergeführt werden (z.B. der Rohbau am Geißlerpfad,
Ecke Goebelstraße).
Die östliche Weiterführung der Siedlung nach
Charlottenburg-Nord hinein kam erst ab 1956 in geänderter Form
zustande kam; siehe Siedlung
Charlottenburg-Nord). Als ergänzende Einrichtungen
kamen ein zentrales Siedlungsheizwerk (das erste im Berliner
Raum) mit
integrierter Zentralwäscherei, einige Läden, eine Kindertagesstätte,
ein Ärztehaus
und Kfz-Stellplätzen hinzu. Zur Großsiedlung
gehört auch die 1931 eröffnete städtische Hermann-Löns-Grundschule
am Jungfernheideweg 32-48, die als erste Einrichtung dieser Art
ebenfalls den fortschrittlichen Stil dieser Siedlung
widerspiegelt.
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Großsiedlung
Siemensstadt, Goebelstraße
(links und rechts Bauteile von
A. G. Walter Gropius,
im Hintergrund Hans C. Hertlein)
Aufnahme
1934
Foto: Postkarte; Verlag W. Aßmuß, Spandau
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Die Großsiedlung Siemensstadt
wurde in zwei Bauabschnitten mit insgesamt 1.370 Geschosswohnungen
(geplant waren etwa 1.800), 11 Einzelhandelsläden und 5 Büros errichtet.
Die Grundstücksfläche betrug damals rd. 159.970 qm, die Wohn-
und Nutzflächen rd. 91.650 qm. Jede der
größtenteils um 48, einige bis 70 qm großen
Wohneinheiten besaß bzw. besitzt ein Bad und Innentoilette, Zentralheizung
und Warmwasserversorgung - damals keineswegs selbstverständlich
-, einen Balkon, eine Loggia und/oder Sonnenterrasse (Ausnahmen
siehe hier). Die meist recht kleinen, vielfach nur für zwei
Personen ausreichenden Balkone bzw. Loggien sind nicht nur
Anbauten: Sie sind gestalterisches Element, verbinden den Wohnraum mit den begrünten Freiräumen zwischen
den Wohnzeilen und eröffnen damit einen zusätzlichen "Erlebnisbereich". Zum
Wohnkomfort gehörten auch ein "Gasherd mit vier Kochstellen und Bratröhre,
Ausguß, Speiseschrank, Spülbecken mit Topfbrett".
Alle Räume, Bäder und Küchen waren mit pflegeleichten
Linoleum- bzw. Terrazzofußböden versehen. Die Bauobjekte sind:
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1. Bauabschnitt
(Großsiedlung Siemensstadt I)
Bauzeit: Juni 1929 - April 1930; Erstbezug: 1. April
1930
1.047 Wohnungen
(2 Ein-, 28 Eineinhalb-, 327 Zwei-, 589 Zweieinhalb-,
9 Drei-, 92
Dreieinhalbzimmerwohnungen)
11 Läden, 5 Büros, 3 Garagen
Architekten: Hans B. Scharoun
(1893-1972), A. G. Walter Gropius (1883-1969), Hugo
Häring (1882-1958), Fred Forbat (1897-1972), Otto
Bartning (1883-1959) in Zusammenarbeit mit Max
Mengeringhausen (technische Einrichtungen)
2. Bauabschnitt
(Großsiedlung Siemensstadt II)
Bauzeit: August 1930 - Juli 1931 bzw. (1933/1934; siehe hier); Erstbezug: Juli 1931
323 Wohnungen
(67 Zwei-, 230 Zweieinhalb-,
14 Zweizweieinhalb-,
12 Dreizimmerwohnungen)
Architekten: Paul Rudolf Henning (1889-1989), Fred Forbat (nur die
mittlere Zeile) |
Die Objekte der Großsiedlung
Siemensstadt sind zwei- bis fünfgeschossige (vorwiegend
viergeschossige), architektonisch in sich geschlossene Zeilenbauten
unter Flachdächern, die von Grünräumen und Gartenanlagen
optisch und baulich voneinander getrennt sind. Alle Baukörper
sind von den Straßen abgerückt; die Zugänge zu den einzelnen
Hauseingängen erfolgen durch
etwa 2,5 m breite Wohnwege, die auch die Zeilen untereinander
erschließen. Die Höhe der Gebäude beträgt bei den
viergeschossigen Zeilen 16 m, der Zeilenabstand zueinander 28 m. Stütz- und abgrenzende Mauern sind in Ziegelstein
mit statisch längstragenden Seiten mit bis 38 cm starken Außenwänden
ausgeführt, nach oben hin schmaler werdend. Nicht tragende
Innenwände bestehen aus 8 cm dicken Ziegelsplittplatten oder (Kohle-)Schlackenstein, die
Geschossdecken sind aus Stahlbeton bzw. Stahlstein mit einer
Dicke von bis 27 cm und teils mit Schlackenstein verfüllt. Die
Raumhöhe der Wohnungen liegt bei etwa 2,84 m. Die
zu dieser Zeit in anderen Siedlungen praktizierte
Stahlskelettbauweise und die Montage vorgefertigter Bauteile (wie
1924 durch Wagner in Berlin-Lichtenberg
erstmals in Deutschland praktiziert) fanden in der Großsiedlung
keine Anwendung, da hierfür weitere kosten- und zeitaufwendige
Vorarbeiten und Versuche erforderlich gewesen wären.
Sämtliche Fassaden sitzen auf schmalem Ziegelsockel auf, sind
glatt verputzt, meist hell geschlemmt (auf das ausdrucksstarke
Element Farbe wird weitgehend verzichtet) oder mit
vorwiegend terrakottafarbenen Klinkern
und Fliesen geschmückt; in der Regel sind Vorder- und
Rückseiten unterschiedlich gestaltet, wobei die Vorderseiten
keineswegs immer "attraktiver" sind (siehe den "Langen
Jammer" [auch "Langes Elend"]
an der Goebelstraße). Die verwendeten Formen
und Ausführungen der Eingangstüren und Fenster sind in den
Horizontal- bzw. Vertikalachsen meist gleich, variieren jedoch
in ihrer Anzahl und in Rechteck-, Schlitz- und Quadratformen;
Rundfenster treten nur als Akzentuierung auf.
Alle Wohnungen der Großsiedlung
Siemensstadt wurden anfangs von dem erwähnten siedlungseigenen
Heizwerk zentral beheizt und mit Warmwasser versorgt (daher wurde
die Siedlung auch als "Rauchlose Stadt"
gepriesen). Trotz der
Zentralwäscherei hatten jedoch Gropius und Scharoun in
den Dachgeschossen ihren Bauteile zusätzlich Wasch- und Trockenräume
eingerichtet. Vorgesehen war auch, dass die in einigen dieser Objekte und
in einigen in Henning vorhandenen Dachflächen bzw. Sonnenterrassen die Mieter der oberen Etagen
nutzen, die der unteren
Etagen dagegen die Rasenflächen benutzen sollten. Die Nutzung der
Grünflächen oder der Dachebenen als Sonnenterrasse bzw. Dachgarten wird
damals wie heute nur von wenigen Mietern praktiziert (Was
natürlich auch daran liegt, dass diese Flächen von sehr
zahlreichen "fremden" Personen aus den benachbarten
Hausaufgängen zugänglich sind.). Für Familien mit
kleinen Kindern sind auf den Rasenflächen entsprechende Spielplätze
eingerichtet, die auch heute rege genutzt werden.
Die relativ einfache
Bebauungsform und die rationell ausgeführten Grundrisse der Bauten
der Großsiedlung Siemensstadt fügen sich - wie bereits
erwähnt - harmonisch in die als
Erholungs- und Freizeitbereiche gestalteten Grünflächen mit
dem alten Baumbestand der Jungfernheide ein. Die Siedlung verwirklicht damit das Konzept einer
Lebensumfeldes, in dem die Erlebbarkeit zu Fuß möchlich, aber auch die für eine
Großstadt charakteristische und notwendige Anonymität
vorhanden ist. Scharoun drückte dies einmal folgendermaßen aus:
"[...] Sie ist ein Raum, den ein Fußgänger in etwa
einer Viertelstunde durchquert, ein Raum, der der
Erlebnisfreudigkeit des Kindes entspricht, groß genug, um
Abenteuer anzusiedeln, klein genug, um das Gefühl der Heimat
aufkommen zu lassen [...]"
Die Großsiedlung besitzt
jedoch keineswegs den ländlichen Charakter der von Hans C. Hertlein
(1881-1963) in den Jahren 1922 bis 1935 errichteten Siedlung Siemensstadt
sowie der von ihm 1930 bis 1935 konzipierten Siedlung Heimat,
die baulich dicht an die Großsiedlung anschließt, aber
deren architektonischen Elemente geschickt aufnimmt.
Insgesamt kann die Großsiedlung Siemensstadt
auch heute als eine der schönsten
kommunalen Wohnanlagen dieser Art in Deutschland gelten. Ein
Auszug der zeitgenössischen Beschreibung Curt Gorgas´ in
einem 1929 erschienenen Beitrag führt
uns noch einmal in die Planungsgedanken zurück:
"Die Baugesellschaft Berlin-Heerstraße [...] wählte
als Bauplatz das durch alten Baumbestand ausgezeichnete
städtische Gelände, das sich an den Südrand des Volksparks
Jungfernheide anschließt und sich von der Mäckeritzstraße
etwa 600 Meter nach Osten erstreckt. Das in den letzten Jahren
gewaltig ausgedehnte Industriegebiet in Siemensstadt [...] legte
es nahe, gerade in dieser Gegend nach einem geeigneten Gelände
Umschau zu halten. Hinzu kam, daß durch den Bau der neuen Siemensbahn
und die Anlegung des Bahnhofs Wernerwerk,
neben den schon vorhandenen Straßenbahn-Linien,
die schnelle und bequeme Verbindung mit der Innenstadt gesichert
war. Ganz besonders verdient aber die Nähe des Volksparks
und -bades Jungfernheide und der ausgedehnten Waldungen des
Tegeler Forstes hervorgehoben zu werden. Neben allen diesen
Vorteilen lag der Reiz dieses Geländes für den Städtebauer
aber in seiner völligen Unberührtheit. Das Fehlen jeglicher
ausgebauten Straßen ermöglichte einen den Gesichtspunkten des
heutigen Wohnens entsprechenden Bebauungsplan. Stadtbaurat
Dr.-Ing. Martin Wagner hatte freundlicherweise seinen Rat bei
der Auswahl der Architekten und der Aufstellung der Baupläne
zur Verfügung gestellt. Der im Einvernehmen mit ihm von
Professor Scharoun aufgestellte Bebauungsplan sieht die
Errichtung von insgesamt etwa 1.800 Wohnungen und einer Schule
vor [...] Die Grundgedanken [...] sind folgende: Einfügung der
Wohnorganismen in das Landschaftsbild unter möglichster
Schonung des alten Baumbestands, Schaffung zusammenhängender
Grünflächen, Ersparnis an Straßenbaukosten, Sonne und Luft
für die Wohnungen. Deswegen die strenge Durchführung des
Nordsüd-Zeilenbaues mit der Ostwestbeleuchtung der Wohnungen,
mit nur zwei Ausnahmen [...]"
Die im Prinzip simple Bebauungsform der Siedlung
erreichte durch ihre aufeinander abgestimmten Projekte und klare
Beziehung zur Umgebung eine bis heute erstaunenswert raumhafte
Wirkung. Alle Architekten waren bestrebt, trotz recht
einschneidender Vorgaben bezüglich der Wohnungsgrößen ein
möglichst vielfältiges Angebot unterschiedlicher Grundrisse zu
schaffen, wie dies insbesondere an den differenzierten
Wohnungsangebot von Scharoun und Forbat erkenntlich ist.
Die kennzeichnenden
Bauteile der
Großsiedlung Siemensstadt sind:
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Bauteile
Scharoun
Lage: Mäckeritzstraße 6-22, Jungfernheideweg 1-15 (Panzerkreuzer,
auch Panzerkreuzer B), Jungfernheideweg 4-14
(Das Laubengangwohnhaus im Anschluss an den Langen
Jammer in der Goebelstraße, nahe dem
Goebelplatz, errichtete Scharoun erst von 1956 bis 1958.)
Durch Scharouns Zeilenanordnung rechts und links des
Jungfernheideweges erhielt die Großsiedlung von Süden
her einen Art Hauptzugang, der trichterförmig auf die
schon vorhandene S-Bahn-Überführung
weist. Die schräg zur S-Bahn-Trasse verlaufende
viergeschossige östliche Zeile auf rechteckigem
Grundriss ist langgestreckt und einfach gegliedert. Die
gegenüberliegende westliche, vier- und fünfgeschossige
Zeile auf mehrflügeligen Grundriss weist dagegen starke
rhythmische Betonung und architektonische Beweglichkeit
auf. Ihre gestaffelten Balkone und
kommandobrückenartigen Dachstufungen vermitteln
schiffsartige Aufbauten, die dieser Anlage den Namen "Panzerkreuzer"
gaben. Offensichtlich hat Scharoun sie in Anlehnung an
seine Jugend konzipiert, die er in Bremerhaven mit
seinem Hafenbetrieb und Schiffen verlebte. Nur dieser
Baublock besitzt Sonnenterrassen. Von 1930 bis 1960
wohnte Scharoun gegenüber, im Jungfernheideweg 4 (viertes
Geschoss, rechts). 1950 hat er ansehen müssen, wie der
Kopfbau Jungfernheideweg 1 nach den Ende 1943 erfolgten
Kriegszerstörungen (Jungfernheideweg 1, 3 und 5)
entgegen seinem ursprünglichen Aussehen und ohne
Rücksprache mit ihm aufgestockt und die Eckläden
vereinfacht wiederhergestellt wurden; auch seine
Einwände blieben ohne Resonanz (Im Prinzip ist die
Aufstockung architektonisch gelungen und fügt sich in
das Bestehende gut ein.). - Den westlichen Abschluss von
Scharouns architektonisch eleganten Bauten gegenüber
dem hier 1914 fertig gestellten Teil der Siedlung Nonnendamm
bildet die parallel im leichten nördlichen Bogen der
Mäckeritzstraße verlaufende vier- und fünfgeschossige
Zeile mit kleinen Balkonansätzen. Ein am südlichen
Ende der östlichen Zeile vorgesehener Flügel parallel
zum heutigen Popitzweg (Ecke Jungfernheideweg) wurde
nicht gebaut. Stattdessen kam hier 1963/1964 ein
neungeschossiges Wohnhochhaus von Scharoun zur
Ausführung. |
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Bauteile
Gropius
Lage: Jungfernheideweg 17-45 und 18-30 und der Bausblock mit
der ehemaligen Post an der Goebelstraße 117
Beginnend mit dem Kopfbau des Wohnhauses und ehemaligen Postamtes
lösen Gropius´ viergeschossige Bauten in nördliche
Richtung die Objekte von Scharoun ab und führen gegenüber
der Goebelstraße und westlichen Seite des
Jungfernheideweges mit einer lang gezogenen,
viergeschossigen Zeile und einem vorgelagerten
Ladenpavillon beginnend, bis zur Kreuzung Schuckertdamm
und Heckerdamm. Gropius´ Bauten in hellem Putz
über rote Klinkersockel besitzen architektonische
Klarheit, die auf besondere gestalterische Elemente
verzichtet; sozialverträgliches Zugeständnis bilden
auch hier Sonnenterrassen auf den Dächern. Infolge der
Reduktion des Ende 1943 zerstörten Zeilenabschlusses am
Jungfernheideweg 21, Ecke Goebelstraße, um einen Eckbau
sowie der Vergrößerung des eingeschossigen Gelenkbaues
zugunsten besserer gewerblicher Nutzung hatte man dieses
Objekt verändert; die originalgetreue Herstellung erfolgte
erst 1991/1992. Im diesem neuen Gebäudeteil
(Jungfernheideweg 21a) befindet sich seit Mai 1992 eine
Selbstbedienungswäscherei für die Mieter der GSW.
Gegenüber dieser Wohnzeile steht auf der
östlichen Seite der Straße eine von einem
breiten parkartigen Grünstreifen mit alten Baumbestand abgesetzte kürzere
viergeschossige Zeile; dahinter schließen sich die Wohnungsbauten von
Häring und nördlich das Gelände der Hermann-Löns-Grundschule
an. Auch die Dachzonen dieser Zeile besitzen Terrassenbereiche. Alles in allem weisen Gropius´
Baukörper klare, zeitlose Konturen ohne jegliches
störendes Pipapo auf, die diese Siemensstädter
Objekte auch für den heutigen Betrachter überaus sehenswert
machen. |
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Bauteile
Häring
Lage: Goebelstraße 12-118
Auffallendes Merkmal der rechtwinklig zur Goebelstraße
angelegten neun viergeschossigen Zeilen von Häring sind
die über jeweils drei Geschosse angebrachten,
halbelliptischen Balkone mit ockerfarbigen
Klinkerverschalungen, die den sonst differenziert gestalteten
Fassaden einen fast fröhlichen, wellenartigen Rhythmus
verleihen. Im Gegensatz zu den beschwingten Schauseiten sind die rückwärtigen Fassaden
fast steril glatt gehalten, ebenso wie die
Eingangstüren zu den Aufgängen und die Balkontüren
der Wohnungen - letztere sind durch ihre Holzfüllung
"undurchsichtig" (siehe nachfolgend). Die jeweils recht kurzen Zeilen sind
durch großzügige Grünräume voneinander und von denen
Gropius´ am Jungfernheideweg und Forbats´ am
Geißlerpfad optisch getrennt. Der im 2. Weltkrieg zerstörte
Südabschluss der Zeile an der Goebelstraße 24 wurde
bereits 1951 in seinem ursprünglichen Aussehen
wiederhergestellt (siehe hier). Trotz großer Probleme mit
witterungsgeschädigten Balkonteilen und heute nicht
mehr zulässigen Stärken der Balkonbrüstungen konnte
der (äußere) Originalzustand der Zeilen bei den
späteren Instandsetzungen erhalten werden. Zahlreiche
neue Witterungsschäden vor allem in den oberen Geschossen
ließen jedoch auf unsachgemäße Restaurierung
schließen, so dass viele Balkone gesperrt werden
mussten. Seit dem Jahre 2003 wurden diese Schäden
beseitigt; 2007 waren alle Wohnzeilen in ihrem
ursprünglichen Zustand wieder hergestellt. Die vom
Architekten vorgesehenen fensterlosen Balkontüren sind
- entgegen den Wünschen der Bewohner - aus
Denkmalschutzgründen beibehalten worden. |
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Bauteile
Henning
Lage: Heckerdamm 283-293
Die sechs Zeilenbauten Hennings (eigentlich ein dem
Expressionismus verpflichteter Bildhauer) befinden sich
mit ihren Kopfseiten rechtwinklig zum Heckerdamm. Hier
hat der Bildhauer und Architekt hinsichtlich der Länge,
Höhe (zwei- bis viergeschossig variierend) und des
Abstandes der meist zweiflügeligen, leicht
abgewinkelten Zeilen zueinander zum Wohnwertvorteil der
Mieter ein wenig experimentiert. Die größten Wohnungen
befinden sich in den einspringenden südlichen
Zeilenenden, deren (Wohn-)Zimmer durch große
Fensterbänder belichtet werden. Die gestalterischen
Ähnlichkeiten der Fassaden mit den Klinkerelementen zu
den anderen Objekten der Siedlung sind augenfällig. Neben kleinen
Gärten zwischen den Gebäuden befinden sich inmitten der Zeilen große Rasenflächen, die
einen optischen Übergang zu
dem gegenüber liegenden Naturraum des Volksparks
Jungfernheide schaffen, der allerdings durch den
Heckerdamm verkehrstechnisch getrennt wird. Die beiden
westlich abschließenden Zeilen konnte Henning erst nach
Abschluss der übrigen Siedlungsbauten in den Jahren
1933/1934 erstellen. Sie sind auch die einzigen Objekte
in der gesamten Siedlung, die weder Loggien, Balkone
noch Sonnenterrassen besitzen! |
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Bauteile
Bartning
Lage: Goebelstraße 11-113 (Langer Jammer),
Heizwerk mit Zentralwäscherei an der
Goebelstraße 55 (die technischen Einrichtungen
konzipierte Mengeringhausen)
Den Abschluss des Langen
Jammers mit dem ursprünglich nicht vorgesehenen gestuften viergeschossigen
Laubengangwohnhaus und dreigeschossigen Kopfbau am
Geißlerpfad 1-9 errichtete Scharoun von 1956 bis1958.
Mit der auf der südlichen Seite
der Goebelstraße errichteten Zeile von Bartning erfolgt
der Übergang zur ab 1956 begonnenen Siedlung
Charlottenburg-Nord. Wegen ihrer Länge von nahezu 380 m und architektonischen Schlichtheit (zur
Straßenseite hin) erhielt diese Zeile die
Bezeichnung "Langer Jammer". Das nur
einmal vom Durchgang Goebelstraße 55 unterbrochene
Objekt beginnt am Jungfernheideweg mit einem
zweigeschossigen Kopfbau und integriertem Ladengeschäft
und wird in der Monotonie von 28 gleichförmigen,
viergeschossigen Hauseinheiten und 29 horizontal
befestigten Eingangsdächer bis zu Scharouns Laubengangwohnhaus fortgeführt. Die visuelle
Einförmigkeit dieser Zeile wird durch die später angelegten
vorgelagerten Kraftfahrzeug-Stellplätze noch
unterstrichen. Früher befanden sich hier Grünbereiche
mit alten Bäumen, die dem Straßenbereich einen optisch
angenehmeren Eindruck gaben. Die Zeile verläuft
parallel zur leicht gekurvten Goebelstraße und schirmt
die durch die Großsiedlung führende S-Bahn(-Trasse)
optisch und akustisch ab. Bartnings Objekt ist daher das
einzige in der Siedlung, das in Ost-West-Richtung liegt. Im Gegensatz zur
Straßenseite (Nordseite) der Zeile ist
ihre Rückseite (Südseite) durch Balkonbänder,
interessante Fassadenformen und reizvolle Grünräume
außerordentlich attraktiv gestaltet, was den Wohnwert
dieses Objektes dann doch wieder steigert. In diesem
Bereich befindet sich auch der funktional gegliederte
Klinkerbau des (früheren) zentralen Heizwerks und der
Zentralwäscherei. Mit Anschluss
der Großsiedlung an das damalige BEWAG-Fernwärmenetz
Ende der
1950er Jahre verlor das Heizwerk seine Funktion; auch
die hier weiter betriebene Wäscherei wurde Ende 1991
geschlossen. Nach dem Umbau befindet sich darin die
Geschäftsstelle der GSW zur Betreuung der Mieter (Nr.
55 a). Am 15. September 1994 riss ein "Mini-Taifun"
Dachgeschosse von Bartnings Zeile fort,
und beschädigte zahlreiche parkende Autos
(siehe auch Abbildung Goebelstraße). |
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Bauteile Forbat
Lage: Goebelstraße 2-10, Geißlerpfad 11-29
Auch die rechtwinklig zur Goebelstraße und parallel an
der westlichen Straßenseite des Geißlerpfads liegenden Zeilen
Forbats, stellen einen
wichtigen architektonischen Beitrag im Stil des Neuen Bauens dar. Seine beiden Anlagen
schließen zudem die Großsiedlung nach Osten ab (was
ursprünglich so nicht vorgesehen war). Dabei beziehen
sie sich auf die Bauteile von Häring an der Goebelstraße
und Henning am Heckerdamm, indem sie deren Zeilenlängen
aufnehmen. Ein eingeschossiger Ladenbau verbindet
Forbats zwei
Zeilen optisch. Die nördliche Zeile (bis zum Heckerdamm)
vereinigt als einzige der Siedlung unterschiedliche
Grundrisstypen unter einem Dach. Die differierenden
Wohnungsgrößen sind hier auch äußerlich durch schmal
vortretende kleine Balkone und lang gestreckte Loggien
sichtbar. Die flachen Fassaden dagegen werden
zusätzlich durch vorspringende, kubische Treppenhäuser
und vertikal verlaufende Ziegelschichten strukturiert.
Die ab 1933 erfolgte Bebauung der östlichen
Straßenseite führt mit ihren Flachdachtypen optisch
Forbats Architektur partiell fort (siehe dazu Siedlung
Charlottenburg-Nord. |
Im 2. Weltkrieg hatte die Großsiedlung
Siemensstadt aufgrund ihrer Nähe zu den Werksbauten der Firma
Siemens mit über 5 % zerstörter Bausubstanz die schwersten Kriegsschäden
der damaligen vier Großsiedlungen Berlins aufzuweisen (die
übrigen Großsiedlungen sind Britz, Onkel Toms Hütte und
Weiße Stadt). Noch im Winter 1948/1949 ragten
aus vielen Fenstern Ofenrohre heraus, da das kriegszerstörte
Heizwerk der Siedlung noch nicht wieder betriebsfähig war, und
die Bewohner ihre Wohnungen mit Notöfen heizen mussten. Alle
Objekte wurden dann von 1949 bis 1952, teilweise in leicht veränderter Form
(siehe oben) durch die GSW wieder hergestellt.
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Großsiedlung
Siemensstadt
Rückseite der Zeile
von A. G. Walter Gropius
am Jungfernheideweg
(von Westen gesehen)
Aufnahme September 2003
Foto: Karl H. P. Bienek, Berlin
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um es zu vergrößern!
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Seit 1978 sind die vor dem 2.
Weltkrieg entstandenen Bauteile von Gropius und Scharoun, seit 1986
ist die
gesamte Großsiedlung Siemensstadt als Baudenkmal geschützt. Daneben
ist die Gesamtanlage seit Juli 2008 Teil des so genannten
Weltkulturerbes der UNESCO. In den Jahren zuvor
wurden die durch die
zusätzliche Anlage von Kraftfahrzeug-Stellplätzen in ihrem
Aussehen beeinträchtigten Siedlungsfreiräume durch
Wiederherstellung der ursprünglichen Erscheinungs- und Bauzustände
weitgehend rekonstruiert (ausgenommen im nordöstlichen
Siedlungsteil von Forbat und Häring). Die
Siedlung gilt national und auch international als Musterbeispiel des
öffentlichen und Bauens der Weimarer Zeit und gibt einen guten Einblick in die Vielfalt und architektonischen Möglichkeiten
des damaligen sozialen Wohnungsbaues, der mit sehr begrenzten
finanziellen Möglichkeiten ein Maximum an Wohnkomfort schuf.
Alle daran beteiligten Architekten errangen mit diesen und
nachfolgenden Bauten in und außerhalb Deutschlands
Weltgeltung.
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Großsiedlung
Siemensstadt
Der Verfasser
dieses Lexikons
während einem seiner
Siemensstädter
Spaziergänge
vor der Schautafel im
Bereich des Siedlungsteils
von Hans B. Scharoun.
Aufnahme Juli 2006
Foto: Kurt Bohley, Berlin
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Zur ersten kurzen Information der
Bewohner, Besucher und für Interessierte der Großsiedlung
Siemensstadt wurden pünktlich zu ihrem 75. "Geburtstag"
von der Wohnungsbaugesellschaft GSW als Verwalter der
Wohnanlagen an ausgezeichneten Stellen zehn, sehr informativ
(und nahezu fehlerfrei) gestaltete Schautafeln aufgestellt. Sie dienen als Wegweiser zu einem
architekturhistorischen Spaziergang durch die Großsiedlung;
ihre
Texte und Bilder erklären das Siedlungskonzept, stellen ihre Erbauer
vor und geben Hinweise über die bisherige Geschichte der
einzelnen Siedlungsabschnitte.
Literatur
Arne Hengsbach: Die Siemensstadt im Grünen.
Lezinsky, Berlin 1974
Spandau einst und jetzt. Beilage Nr. 18 des Spandauer
Volksblatt, 5. Januar 1977
Tendenzen der Zwanziger Jahre.
Ausstellungskatalog. D. Reimer, Berlin 1977
Klaus-Peter Kloß: Siedlungen der 20er Jahre. Haude &
Spener, Berlin 1982
Falk Jaeger: Bauen in Deutschland [...]. Hatje,
Stuttgart 1985
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© Karl H.
P. Bienek - Berlin
2001 -
Stand: 19.
Juli
2008 |