DIE SIEMENSSTADT - Ein Lexikon der Siemensstadt in Berlin -

Siemens-Güterbahn
(Siemens-Industriebahn)

Siemens-Güterbahn
Gleisverlegearbeiten auf dem Mittelstreifen
der Nonnendammallee (Sicht Richtung Osten);
Aufnahme Mai 1955
Foto: Unbekannte Postkarte

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Die Siemens-Güterbahn (Siemens-Industriebahn; fälschlich auch als "Siemens-Bahn" bezeichnet - diese war Teil der S-Bahn) und der zugehörige Bahnhof gehörten zu den Dienstleistungseinrichtungen der Firma Siemens in Siemensstadt, Haselhorst und Gartenfeld.

Die Versorgung der ersten Siemens-Produktionsstätten in der heutigen Siemensstadt mit Materialien und der Abtransport der Fertigerzeugnisse erfolgten ab 1898 über einen Verladehafen am Stichkanal an der Spree, den die Firma zuvor angelegt hatte. Dabei wurden die Güter mit Hilfe eines Dampf-Trajektschiffes, das zwei Güterwaggons befördern konnte, auf der Spree zwischen einem Stichgleis an dem Verladehafen sowie dem Güterbahnhof Jungfernheide transportiert. Durch das rasche Entstehen weiterer neuer Werksanlagen wurde der Güterverkehr auf diese Weise bald unwirtschaftlich.

Bereits Ende 1897 hatte Siemens mit der Projektierung einer werkseigenen Industriebahn begonnen (daher auch Siemens-Güterbahn), deren erste, rd. 20 km lange Teilstrecke von der Insel Eiswerder ausgehend an der Daumstraße zur heutigen Nonnendammallee und weiter nach Siemensstadt verlaufend am 16. März 1908 in Betrieb ging - dieser Tag gilt als offizieller Start des Siemens-Güterbahnbetriebes. Die entsprechende Mitteilung der Betriebsleitung lautete:
"Nachdem heut von den zuständigen Behörden die Genehmigung zur Inbetriebsetzung der Güterbahn Spandau-Nonnendamm eingegangen ist, bringen wir hierdurch zu gefälliger Kenntnis, dass von jetzt ab die Eisenbahn-Güterwagen mittelst Staatsbahnlokomotiven von und nach den Werken am Nonnendamm befördert werden können [...]"
Zuvor waren jedoch zähe Verhandlungen mit der damaligen Stadt Spandau vorausgegangen. Durch deren Gebiet führte das Streckennetz der Preußischen Staatsbahn (bzw. Militärbahn; bis 1903 war Spandau Festungsstadt), das Siemens mit benutzen mußte. Dies verzögerte die Inbetriebnahme der eingleisigen Strecke um Jahre, so dass man erst 1907 mit der Errichtung der Trasse beginnen konnte, die letztlich die Verflechtung der (Siemens-)Privatbahn mit der Staatsbahn beinhaltete.

Die Waggons der Siemens-Güterbahn wurden daher von der Preußischen Staatsbahn bis zur Nonnendammallee befördert und hier am Übergabebahnhof Nonnendamm von elektrischen Lokomotiven aus der Siemens-Produktion übernommen und den Werksanlagen zugeführt. Anfangs, als es noch keine flächendeckende Elektrifizierung der Gleisanlagen in den großen Werken gab, wurden die Waggons von Pferden gezogen, die dann von Akkumulatoren betriebenen Lokomotiven abgelöst wurden. Bis zur Aufgabe des betriebsinternen Güterbahnnetzes 1988 (siehe hier) waren von den anfangs sieben noch vier dieser Loks im Einsatz. Östlich der heutigen Paulsternstraße zweigten die Gleise zu den Werksanlagen und zur staatlichen Güterabfertigungsstelle neben der Eisengießerei der Firma an der Motardstraße ab.

In der ersten Zeit verkehrten täglich etwa 30 Güterwagen. Infolge des steigenden Güterverkehrs führte man die Bahnstrecke ab Ende 1911 vom Gleisanschluss der Staatsbahn auf dem damaligen Übergabebahnhof am Haselhorster Exerzierplatz bis zum Güterbahnhof Ruhleben weiter, wo zum Ende des 1. Weltkrieges das Aufkommen auf etwa 200 Wagen täglich stieg. 1917 wurden auch die Firmen Motard und 1926 Osram an dieses Siemens-Güterbahnnetz mit angebunden und bis 1923 zusätzlich Gleisabschnitte der Straßenbahn für den Güterverkehr genutzt (In diesem Jahr wurden die Güter- von den Straßenbahngleisen getrennt.). 1932 erhielt Siemens über die im Zusammenhang mit der Errichtung des damaligen Kraftwerks West angelegte Eisenbahnbrücke über die Spree einen eigenen Gleisanschluss nach Ruhleben.

Um diese Zeit (1932) betrug das Netz der Siemens-Güterbahn einschließlich ihrer Gartenfelder Anlagen 32 km Bahngleise, 150 Weichen und 32 Drehscheiben für die 5 Oberleitungs- und Akkumulatorenlokomotiven ("Bügeleisen") sowie fast 70 Eigentumsgüterwagen. In den 1980er Jahren waren davon noch 18 km in Betrieb. Den Betriebsstrom für die Elektrolokomotiven (im Oberleitungsbetrieb) lieferte von Anfang an das Siemens-Kraftwerk. 1965 erhielten die Loks erstmals weltweit Thyristorsteuerungen aus dem Siemensstädter Schaltwerk. Ende der 1980er Jahre wurde der Güterverkehr auf Diesellokomotiven umgestellt.

Trotz schwerer Beschädigungen der Siemens-Güterbahnanlagen am Ende des 2. Weltkrieges konnte man bereits im Oktober 1945 den Verkehr wieder aufnehmen, wobei der Anschluss zur damaligen Reichsbahn vom Kabelwerk Gartenfeld aus über die S-Bahn-Strecke der "Siemens-Bahn" Gartenfeld - Jungfernheide erfolgte.

Von den 1970er Jahren an sank das Transportaufkommen auf etwa 70 Waggons täglich. 1975 wurde der Güterverkehr der Siemens-Werke untereinander eingestellt und die Güter-Betriebsführung im September 1988 dem Verkehrsunternehmen der Rhenus-WTAG AG übertragen. Die WTAG (die Berliner Niederlassung der Westfälischen Transport-Aktien-Gesellschaft) ist seit 1934, die Rhenus seit 1961 in Spandau bzw. Velten ansässig; der Zusammenschluss zur Rhenus-WTAG erfolgte 1976. Die Anlagen der Siemens-Güterbahn und Teile des Lok- und Waggonparks blieben Siemens-Eigentum.

Als Hauptumschlagplatz für ihren Güterbetrieb errichtete Siemens etwa gegenüber der Einmündung der Motardstraße in den Rohrdamm einen einen provisorischen (Güter-)Bahnhof, der 1928 als so genannter Güterboden ausgebaut wurde. Dieser Verladebahnhof war ein horizontal gegliederter, schmuckloser, hallenartiger Stahlbetonbau mit Ziegelfassaden und einem zum Rohrdamm weisenden Kopfbau. Sowohl zur Güterbahn als auch zur damals hier dem öffentlichen Verkehr zugänglichen Reisstraße waren dem Bau Rampen vorgelagert, die das direkte Verladen aus dem Güterboden und das Umladen von Straßenfahrzeugen auf die Bahn ermöglichten. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg nur wenig beschädigt und diente Lagerzwecken, bis es für die Anlage des heutigen Siemens Technopark Berlin abgebrochen wurde. Südlich, direkt parallel zum Güterboden befindet sich das 1930 als Versandgebäude errichtete ehemalige Wernerwerk IX.

Die Bahnverladung im Bereich des ehemaligen Siemens-Güterbahnhofs ist heute Geschichte. Einige Gleisabschnitte dienten bis zu ihrem Abbruch noch zum Rangieren und Abstellen von Güterwagen der Rhenus-WTAG AG. Güter-Bahnverkehr besteht heute nur im Bereich des Osram-Werks an der Nonnendammallee sowie in den früheren Siemens-Einrichtungen auf der Insel Gartenfeld, ferner zu einem geringen Teil im Bereich des Dynamowerks und des Schaltwerks. Die im öffentlichen Straßenbereich vor allem bei den unbeschrankten Bahnübergängen der stillgelegten Strecken der Siemens-Güterbahn aufgestellten - und nutzlos gewordenen - Verkehrs- und Eisenbahnzeichen (z.B. Andreaskreuze) wurden im April 2001 mit Siemens-Erlaubnis durch Mitglieder der Bürgerinitiative Spandauer Verkehrsbelange 1973 entfernt. Heute erinnert im öffentlichen Stadtbild praktisch nichts mehr an die über 80-jährige Geschichte der Siemens-Güterbahn in Siemensstadt.

Literatur
H.-J. Bangel: Siemens-Güterbahn: 75 Jahre Dienstleistung. Siemens-Mitteilungen; H. 3, 1983
Wolfgang Ribbe, Wolfgang Schäche: Die Siemensstadt [...]. Ernst & Sohn, Berlin 1985
Karl H. P. Bienek: Siemensstädter Lexikon - Wohnen in Siemensstadt. ERS, Berlin 1992
Karl H. P. Bienek: Siemensstädter Lexikon - Arbeiten in Siemensstadt. ERS, Berlin 1993
sil: Alte Siemensbahn: Letzte Andreaskreuze abgebaut. Berliner Morgenpost, 26. April 2001
http://www.epilog.de/Berlin/Eisenbahn/Werkbahnen; 2001
http://www.luise-berlin.de; 2002
Ud: Als Siemens noch sein Bahnnetz hatte. Spandauer Volksblatt, 16. August 2006

© Karl H. P. Bienek - Berlin 2000 - Stand: 31. Oktober 2007


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