DIE SIEMENSSTADT - Ein Lexikon der Siemensstadt in Berlin -

Straßenbahn in Siemensstadt

Straßenbahnhof an der Grenzstraße
in seiner ersten Ausbaustufe
Aufnahme 1914
Foto: Unbekannte Postkarte

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Die erste Straßenbahn in Siemensstadt, die Nonnendamm-Bahn bzw. Linie N (später: Linie 5 bzw. 35), verkehrte ab 1. Oktober 1908 (bzw. 30. September) mit zunächst 6 Wagen zwischen der Spandauer Altstadt, über Haselhorst, der Nonnendammallee und der Ecke Reisstraße. Ab 23. März 1908 wickelte die Firma Siemens auf dieser Strecke auch Teile ihres Güterverkehrs ab (siehe Siemens-Güterbahn). Am 1. Juli 1909 ging die Linie an die damalige Stadt Spandau und wurde am 1. Oktober 1910 in ihre Spandauer Straßenbahn eingegliedert. Für die Anbindung zur Haltestelle Fürstenbrunn wurde diese Linienführung ab 1. November 1911 über den Rohrdamm hinaus erweitert; bei der Inbetriebnahme des Kabelwerks in Gartenfeld verlegte man auch von Haselhorst dorthin ein Gleis und eröffnete diese Strecke am 8. Januar 1912 (siehe Fürstenbrunn, S-Bahn).

Ehemaliges Betriebs- und Verwaltungsgebäude
des Straßenbahnhof an der Grenzstraße
(siehe zum Vergleich Bild oben)
Aufnahme Januar 1991
Foto: Karl H. P. Bienek, Berlin

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Die Wagen der Linie N waren anfangs in der Bahnhalle von Siemens am Rohrdamm, ab 1. Mai 1909 im neuen Straßenbahnhof an der Grenzstraße, Ecke Nonnendammallee, untergebracht, bei der sich auch die Endhaltestelle Grenzstraße befand. 1912 und 1923 wurde dieses Depot erweitert und fasste zuletzt 54 Trieb- und Beiwagen. Im 2. Weltkrieg wurden Hallen und Anlagen 1944 zerstört, notdürftig instand gesetzt und 1951 abgebrochen. Den Betriebsstrom für die Nonnendamm-Bahn lieferte bis Ende der 1920 Jahre das Siemens-Kraftwerk am Nonnendamm.

Ab 1. Dezember 1913 führte Linie V der Berlin-Charlottenburger Straßenbahn (später Teil der Großen Berliner Straßenbahn) vom Bahnhof Jungfernheide über den im Ausbau befindlichen Siemensdamm bis zur Ohmstraße. Am 1. Februar 1914 wurde diese Linie von der aus Hohenschönhausen kommenden und bis Jungfernheide führenden Linie 164 abgelöst; 9. Juni 1914 erfolgte die Weiterführung als 164 E bis zum Berliner Verwaltungsgebäude der Firma Siemens an der Nonnendammallee.

Bereits in den Jahren des 1. Weltkrieges stieg die Zahl der in den Siemens-Werken Beschäftigten auf 40.000, und mit den militärfiskalischen Betrieben in Spandau und Haselhorst waren schätzungsweise täglich bis 90.000 Menschen auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Daher wurden die am Bahnhof Jungfernheide haltenden Linien 18 und 54 der Großen Berliner Straßenbahn ab 1916 in den Hauptverkehrszeiten zusätzlich bis Siemensstadt weitergeführt. Am 21. Januar 1918 wurde auch die Linie 5 (bzw. 35; die frühere N) bis Jungfernheide verlängert und die bedeutungslos gewordene Linienführung durch die Reisstraße nach Fürstenbrunn stillgelegt.

1923 wurde die Linie 54, die seit 1918 vom Prenzlauer Berg bis Siemensstadt führte, in den Charlottenburger Stadtteil Westend verlegt, und die Linie 35 mit der Linie R, die von Neukölln über den Spandauer Bock nach Pichelsdorf fuhr, zur Linie 98 vereinigt. Am 8. September 1923 erfolgte die Einstellung der Linien 18 und 164. Ab 26. Januar 1924 wurde zu Zeiten des Berufsverkehrs anstelle der 164 nun die neue Linie 64 von Hohenschönhausen über Bahnhof Zoologischer Garten nach Siemensstadt und weiter nach Gartenfeld geführt. Ab 18. März teilte man diese Strecke in die Linien 66 (nach dem damaligen Charlottenburg) und 64 (weiter nach Siemensstadt). Am 1. Mai 1924 wurde die Linie 98 aufgelöst, und die Strecke vom Bahnhof Zoologischer Garten über Siemensstadt nach Pichelsdorf als neue Linie 55 bis Treptow geführt. Als Ersatz für die Linie 18 fuhr ab dem 9. März 1925 die neue Linie 12 von Neukölln über Moabit bis nach Siemensstadt.

Fahrplan der ersten elektrischen
Straßenbahn
der Welt
von 1881 (siehe Kastentext)
Bild: Siemens-Archiv München; 2002
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Letzte Straßenbahn
in West-Berlin

Aufnahme 2. Oktober 1967
Foto: Festschrift 750 Jahre
Spandau
. Bezirksamt Spandau
von Berlin, 1967

In den 1930er Jahren und Anfang der 1940er Jahre war die Straßenbahn das bestimmende Verkehrsmittel, das die Siemensstadt mit ihren Siemens-Werken (in denen zeitweilig bis 67.000 Menschen beschäftigt waren) bequem und preisgünstig mit den umliegenden Gemeinden verband. So konnte man z.B. mit der Linie 12 vom Siemens-Verwaltungsgebäude direkt zum Lehrter Bahnhof, zum Hausvogteiplatz und weiter nach Neukölln fahren, mit der Linie 55 vom Bahnhof Jungfernheide aus zum Zoo, Potsdamer Platz und weiter nach Treptow oder mit der Linie 64 von Gartenfeld aus zum Nollendorfplatz, Halleschen Tor zum Dönhoffplatz fahren.

Nach dem 2. Weltkrieg war die Linie 55 die erste wieder betriebsfähige Straßenbahn-Linie Berlins. Sie fuhr ab September 1945 vom Spandauer Markt bis zur Reisstraße, wenig später zwischen den Stationen Spandau, Hakenfelde und Zoo, Hardenbergstraße. Sie war auch die letzte in Betrieb befindliche Straßenbahn-Linie West-Berlins. Entgegen dem Willen großer Teile der Bevölkerung wurde diese wirtschaftliche Verkehrseinrichtung auf Beschluss des West-Berliner Senats und mit Zustimmung der Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG; und der immer zahlreicheren Autofahrer - siehe auch Kasten) still gelegt. In einer Zeitungsnotiz von damals stand:
"Mehr als 60.000 Menschen säumten die Straßen, als die Straßenbahn in West-Berlin am 2. Oktober 1967 zu ihrer letzten Fahrt antrat. Es war die Abschiedsfahrt der Linie 55, die um 10 Uhr 19 in Hakenfelde gestartet war. Viele Zuschauer weinten, als der Wagenkorso auf dem Weg zum Betriebshof Königin-Elisabeth-Straße an ihnen vorbeizog. BVG-Manager, Politiker, Autofahrer waren dagegen froh, dass die Straßenbahn endlich auf den Schrott kam: ´Bimmel´ war als Verkehrshindernis verfemt. Kein Wunder: Die meisten BVG-Straßenbahnen stammten aus den 20er Jahren. Die Anschaffung moderner Wagen war 1953 storniert worden. Statt dessen wurde alles auf Busse und später U-Bahnen gesetzt [...]"
Damit war das seit 1865 im Berliner Straßenbild vertraute "klassische" Verkehrsmittel nach über einem Jahrhundert aus dem West-Berliner Stadtbild verschwunden (siehe auch Kasten). Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag gab es für die Fahrgäste der letzten Straßenbahn in West-Berlin besondere Fahrscheine.

Die erste, noch von Pferden gezogene Straßenbahn in Berlin wurde am 25. August 1865 auf der Strecke Kupfergraben - Charlottenburg in Betrieb genommen. Die erste elektrisch betriebene Straßenbahn der Welt eröffnete Werner von Siemens (1816-1892) am 16. Mai 1881 in Groß-Lichterfelde bei Berlin. Die 2,45 km lange Strecke verband den Bahnhof von Groß-Lichterfelde (später Lichterfelde-Ost) mit der von 1872 bis 1878 errichteten Preußischen Haupt-Kadettenanstalt in Lichterfelde, auf der die Wagen mit einer Geschwindigkeit bis 20 km/h fuhren (Werner Siemens sprach von "ca. 30 km"). Siemens hatte ursprünglich vorgehabt, in Berlin eine Hochbahn zu errichten, was aber am Einspruch von Hausbesitzern scheiterte. Er entschloss sich daher, vorerst eine Linie auf eigene Kosten zu bauen, um die Möglichkeiten und Vorteile des elektrische Zugbetriebes öffentlich zu demonstrieren, und erhielt dazu ein stillgelegtes Gleis, das für den Bau der Kadettenanstalt angelegt war. Anfangs lag zwischen den beiden Schienen die volle Betriebsspannung von 180 V, was oft zu Stromschlägen führte, bis die Firma Siemens ab 1892 die ersten oberirdischen Stromzuführungen konstruierte.
Schon ab 1896 stellten die Straßenbahngesellschaften ihre Bahnen auf elektrischen Betrieb um, und 1902 war die Elektrifizierung im damaligen Stadtgebiet von Berlin abgeschlossen. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung hatte die Berliner Straßenbahn 1938, als sie 71 Linien mit einer Streckenlänge von 1.365 km und 650 Millionen Fahrgästen zählte. Nach dem 2. Weltkrieg erwies sich das schienengebundene, jedoch äußerst wirtschaftliche Nahverkehrsmittel als Hindernis im immer mehr zunehmenden privaten Kraftfahrzeugverkehr in der geteilten Stadt. Während in Ost-Berlin das Straßenbahn-Schienennetz modernisiert und ausgebaut wurde, zählte man im 100. Geburtstag der Straßenbahn in West-Berlin nur noch 8 Linien mit gerade einmal 113 km Streckenlänge. Im 102. Jahr wurde dann der Betrieb in West-Berlin eingestellt; man verlegte sich ganz auf den teueren und prestigeträchtigen U-Bahnbau sowie den Ausbau von Autobus-Linien. Auch nach Deutschlands Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss der politisch und wirtschaftlich geteilten Stadt am 3. Oktober 1990 erfolgte keine Renaissance der Straßenbahn im westlichen Teil Berlins (siehe auch Öffentliche Verkehrsmittel in Siemensstadt).

Literatur
Burkhard Hofmeister, et al.: Berlin - Beiträge zur Geographie eines Großstadtraumes. Festschrift zum 45. Deutschen Geographentag in Berlin; D. Reimer, Berlin 1965
Arne Hengsbach: Die Siemensstadt im Grünen. Lezinsky, Berlin 1974
Wolfgang Ribbe, Wolfgang Schäche: Die Siemensstadt [...]. Ernst & Sohn, Berlin 1985
Herhard Bauer, et al.: Berliner Straßenbahnen. transpress VEB Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1987
Karl H. P. Bienek: Siemensstädter Lexikon - Wohnen in Siemensstadt. ERS, Berlin 1992

© Karl H. P. Bienek - Berlin 2000 - Stand: 28. Mai 2008


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